Freitag Mittag.
Die Arbeitswoche
war bei Zeiten beendet und schon spürte ich es wieder.
Es war dieses
leise Ziehen, das ich einfach nicht ignorieren kann.
Seit Wochen
hatte es sich langsam aufgebaut, dieser Entzug,
den nur jemand kennt, der selbst Motorrad fährt.
Mein Kopf wusste
noch genau, wie sich das anfühlt: den Lenker in der Hand, das Spiel
mit Gas und Kupplung, sowie der Rhythmus der Kurven.
Aber die
Maschine stand sehr oft still, denn der Winter war heftiger als in den
vergangenen Jahren.
Einfach zu lang, zu ruhig.
Heute sollte dieses
Verlangen endlich wieder gestillt werden.
Der Mittag war nicht unbedingt
klar, die Luft etwas frisch, knapp 8
°C doch von Regen
keine Spur Ich spürte genau dieses Kribbeln, das sagt: Jetzt
oder nie.
Nach ein
paar kleineren Übungsfahrten in den letzten Tagen stand sie heute
an: die erste
richtige Tour des neuen Jahres,
meine „kleine Rote“ und ich.
Bundesstrassen führten mich
hinein in den Hunsrück,
dieses weite, ruhige Mittelgebirge, das im Winter noch zurückhaltend
wirkt, aber fahrerisch immer überzeugt. Über Hermeskeil,
bekannt als einer der höchsten Orte in Rheinland-Pfalz und oft
Startpunkt für Hunsrück-Touren, ging es weiter am Archäologiepark
Belginum vorbei –
einer römischen Siedlung an einer alten Fernstraße, ein Ort voller
Geschichte.
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Hier bog ich von der
Hunsrückhöhenstrasse ab. Nur wenige Meter bis zur Ortschaft Wederath.
Dann öffnete sich das Tal, und
die Straße fiel ab Richtung Mosel.
Die
Serpentinen hinunter
nach Traben-Trarbach
waren das erste echte Highlight: flüssige Kurven, guter Asphalt und
Konzentration pur. Unten der Fluss, ruhig und braun-grün, eingerahmt
von Weinbergen und der Jugendstilarchitektur der Stadt.
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Entlang der Mosel rollte ich
weiter nach Bernkastel-Kues,
einem der bekanntesten Weinorte der Region. Fachwerk, enge Gassen,
aber noch Nebensaison:
Das Zylinderhaus,
sonst ein Magnet für Technik- und Oldtimerfans, war noch in der
Winterpause. Auch im Buddha-Museum
herrschte Stille – fast meditativ passend zur Jahreszeit.
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Durch den Tunnel, welcher unter
der Burg „Landshut“ hindurch führt, ging es zurück hinauf in
den Hunsrück, und dann kam sie:
die Strecke
hoch nach Longkamp
– eine neue Asphaltdecke, weit gezogene Kurven, Höhenmeter, genau
das Terrain in dem sich die „kleine Rote“, wie ich meine Africa
Twin stets nenne, zu Hause fühlt.
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Hier oben spürte man den Wind wieder
mehr, aber die Konzentration hielt mich warm.
Über Kempfeld und
Allenbach, tief im Herzen der Edelsteinregion, schlängelte sich der
Weg zurück in die dichten Wälder des Hochwaldes. Es sind kleine
Orte, mit viel Wald drumherum und wenig Verkehr.
An der Köhlerhütte
in Neuhütten schließlich kehrte ich ein. Die Bänke im Biergarten
waren noch leer, die Sonnenschirme führten ein tristes Dasein. Doch
man konnte es fast schon riechen – den Duft von Schwenkbraten und
das Klirren der Gläser hören, das hier in zwei, drei Monaten wieder
zuhören sein wird. Wenn der Frühling Einzug gehalten hat. Ein
Halt, ein kurzer Blick, ein Gedanke an den Frühling. Das Ganze bei
einem guten Weizenbier und dann der übliche Heimweg.
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Nach 213 Kilometern
rollt die Maschine schließlich wieder in die Garage. Die Finger sind
kühl, der Kopf ist frei. Kein Spektakel, kein Ziel zum Abhaken –
aber dieses tiefe, zufriedene Gefühl, wieder gefahren zu sein.
Die Saison 2026 ist
nicht mehr nur ein Eintrag im Kalender – sie hat für mich heute
auf dem Asphalt des Hunsrücks offiziell begonnen.
Der Entzug war gestillt.
Meine persönliche
Motorradsaison ist wieder eröffnet