Das mit der Neutralität und Objektivität würde ich eher hinterfragen. Schließlich erhalten die Redaktionen Einladungen zu Markenevents und "dürfen" dann über die neuen Modelle berichten. Wenn sie zu viele negative Dinge schreiben, werden sie im kommenden Jahr wohl nicht mehr eingeladen. Dann müssten sie die Modelle kaufen und testen, das belastet das Budget.
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Ich habe rund zehn Jahre lang als Redakteur in der Produktpresse gearbeitet (Kameras, Unterhaltungselektronik, Nutzfahrzeuge).
Das Spiel läuft absolut nicht so, wie du dir das vorstellt. Im Gegenteil: Wenn Voge auf den Tester von "Motorrad" sauer ist und "Motorrad" daraufhin keine Testmuster mehr hinstellt, dann findet Voge in Deutschland nicht mehr statt. Es gibt einige wenige Ausnahmen, in denen die Marke so "wichtig" ist, wo sie sich erlauben kann, die Fachpresse nach Belieben auszuschließen, das war bei Apple so, auch bei Tesla, aber sicher nicht bei Modeschmuck-Marken wie Brixton oder Mash.
Es ist natürlich durchaus möglich, dass weniger reichweitenstarke Blätter oder z.B. Internet-Blogger nicht mehr zu Pressevorführungen eingeladen werden, wenn sie nicht genug "bringen", aber bei reichweitenstarken Titeln würde eine Marke eher versuchen, über Anzeigenbudgets Druck auszuüben als über Liebesentzug.
Es gibt noch ein anderes Problem: Testmuster sind oft "optimiert", das geht los bei einer peniblen Endkontrolle und kann bei Kfz bedeuten, dass das Test-Auto von Hand zusammengebaut wird. Es gab sogar schon richtigen Beschiss. Bei einem Lkw-Hersteller wurden z.B. die Getriebegehäuse der Testwagen von innen beschichtet, um die leiser zu machen. Das kann man natürlich alles als Betrug bezeichnen, aber oft finden die ersten Produktpräsentationen zu einem Zeitpunkt statt, an dem die reguläre Serienproduktion noch gar nicht begonnen hat. Testfahrzeuge stammen oft aus der Nullserie.
Wenn man als Hersteller eine Redaktion zwingt, sich Testmuster auf dem freien Markt zu besorgen, dann nimmt man Wumms aus der Markteinführungskampagne und läuft Gefahr, dass die Redaktion ein Testmuster kriegt, das nicht so gut beieinander ist, wie es der Hersteller gern hätte. Dumme Idee.
Übrigens ist es bei "Motorrad" durchaus nicht selten, dass sie sich Testmuster für Geschichten z.B. bei Händlern leihen. In der Regel werden die Händler lobend erwähnt, Lohn für das Engagement.
Warum "Motorrad" in letzter Zeit vermehrt über chinesische Mopetten schreibt? Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass die Chinesen immer mehr Modelle anbieten. Ich habe übrigens gerade mal die aktuelle Ausgabe 09/24 genommen, dort steht im Inhaltsverzeichnis immer eine Aufstellung aller Modelle, über die redaktionell berichtet wird. Im aktuellen Heft sind das 23 Stück, davon zwei aus China, vier Hondas und drei Triumph;-)