Echter Tempomat für Motorrad zum Nachrüsten

  • #1

    Ich weiß, dass das Thema Tempomat schon existiert aber dort ging es vor allem um Gasgrifffeststeller, die eben kein Tempomat sind sondern nur die Drossel immer in der gleichen Position halten. Weil ich nicht wollte, dass das in dem Thema untergeht hier nochmal ein eigenes.


    Ich habe mir Anfang des Jahres ein Tempomat für meine Africa Twin gegönnt und konnte es auch inzwischen schon auf einer längeren 4 Wochen Tour testen. Vor allem die Anreise von Berlin nach Amsterdam (ca 650km an einem Tag) war dank Tempomat sehr viel entspannter. Ich wollte euch hier mal meine Erfahrungen zu dem Kaufprozess und dem Teil an sich dalassen, damit jeder Sinn und Unsinn für sich selbst abwägen kann.


    Freigabe
    Ich habe das ausführlich schonmal in mehreren Beiträgen ab hier geschrieben.
    Kurzzusammenfassung (nach Rücksprache mit meinem GTÜ Prüfer aber ohne Gewähr): für ein richtiges Tempomat ist keine Abnahme und keine Eintragung erforderlich. Die E Nummer die das Teil hat bezeugt nur die elektromagnetische Verträglichkeit (beeinflusst keine Herzschrittmacher usw). Es wird aber auch nichts weiter benötigt. Nachrüstung von Geschwindigkeitsregelanlagen war wohl in den 00ern mal bei PKW sehr üblich, dabei wurden dann allgemeine Grundlagen erarbeitet was so ein Tempomat alles nicht darf. Solange es das alles nicht tut ist das Abnahmefrei.


    Kaufprozess
    Man kann das MCC (Motor Cycle Cruise) in Australien (übrigens demnächst auch für die 2018er E Gas Modelle erhältlich) oder in UK kaufen. Bei dem UK Angebot sind (zumindest bis März 19) kein Zoll und Einfuhrumsatzsteuer mehr fällig, dafür liegt der Preis ohne Lieferung mit 839 Pfund (ca 940 Euro) deutlich höher als der in Australien mit 1059 Australischen Dollar (etwa 670 Euro). Ich habe während eines Angebotes in Australien bestellt für 901 AUD plus 100 AUD shipping. Waren in Summe 639,68 € inkl. 1,75% Auslandseinsatzentgelt meiner Kreditkarte. Dazu kamen für die Zollabwicklung durch TNT 181,21€ für Zoll, einfuhrumsatzsteuer und TNT Gebühren. Die Schlingel wollten mir außerdem noch ca 20€ Finanzierungsgebühr unterschieben, wenn das Geld nicht 6 Kalendertage nach Druckdatum (also inkl. Postlaufzeit und Banklaufzeit) bei Ihnen ist. Und das, nachdem Sie 3 Monate gebraucht haben, um mir die Rechnung zuzustellen. Ich war aber schnell mit dem überweisen und hab die Gebühr dann rausgerechnet.
    In Summe waren das bei mir im Angebot also 820,89€. Normalpreis ohne Angebot eher 920.
    Das Teil für die 2018er E Gas Modelle soll wohl um die 700 AUD (etwa 440€) kosten sobald es verfügbar ist. Inkl aller Gebühren und Versand dürfte das dann bei etwa 650€ liegen.


    Einbau
    Es liegt eine sehr detaillierte bebilderte Anleitung zum Einbau bei. Da ist wirklich jeder Montageschritt in einem eigenen Bild aufgeführt. Die Montageanleitung habe ich auch als PDF bekommen, wer die haben will soll sich einfach bei mir melden. Durch die Anleitung ist der Einbau einfach aber dennoch Zeitintensiv. Man muss ganz grob entfernen und später wieder zusammen bauen: Sitzbänke, Verkleidungen, Tank und Airbox inkl Schnorchel. Das ist auch das, was vor allem lange dauert. Ich habe alles in allem etwa 13h an 3 Tagen dran gesessen inkl 3 mal alles vorbereiten und wieder weg packen, Pausen (war recht warm) und den abschließenden Tests. Und ich hatte die AT noch nie offen und hab mir daher jeden Schritt mehrfach durchgelesen. Die Verkleidungen sehen ja schön aus aber sind nicht sehr Montagefreundlich. Das ganze kann man denke ich auch an einem Tag schaffen wenn man etwas zackiger arbeitet.
    Man braucht eigentlich nur normales Werkzeug, das ist fast alles Plug'n'Play. Man muss aber irgendwie an das Kabel vom Tachosignal mit ran. Ich habe ohne den Stecker zu zerlegen einfach die Isolierung etwa 1cm abgeschält und dann das Kabel da mit ran gecrimpt und Isoband drum gewickelt. Ansonsten liegt alles, was man an Teilen benötigt dabei. Selbst Nähmaschinenöl zum schmieren der Gssseilzüge liegt dabei.
    Die Konfiguration von dem Gerät selbst ist bereits erledigt, kein Anschluss an PC nötig wenn man den für die AT kauft.
    Die Tests am Ende haben auch ca ne Stunde gedauert. Erst werden alle Signale trocken getestet, dann mit laufendem Motor im Leerlauf, dann auf Hauptständer mit Gang drin und am Ende der Fahrtest.


    Funktionsweise
    Grundsätzlich besteht das Ding aus 4 Teilen. Der Servo mit eigenem Seilzug, der die Betätigungskraft aufbringt. Der "Verteiler", in dem der Seilzug vom Servo und der vom Gasgriff eingehängt werden und von dem dann ein Seilzug an die Drosselklappe geht. Das Steuergerät, das unter die Sitzbank kommt und die Knöpfe am Lenker. Die verschiedenen Funktionen hat unser werter Finne Markku schon in einem Video auf Youtube vorgestellt.
    Das Ding überwacht sich selbst und schaltet in mehreren Situationen von alleine ab. Z. B. wenn man mit manuellem Override eine gewisse Geschwindigkeit überschreitet (ich glaube 130% der vorher eingestellten Geschwindigkeit) oder wenn sich die Regelstrecke ständig ändert. Das passiert zum Beispiel beim DCT wenn man während das Tempomat regelt mehr als einen Gangwechsel kurz hintereinander macht. Könnte auch passieren wenn man während der Regelung viele Steigungen und Gefälle kurz hintereinander hat. Dann erkennt das Tempomat dass da irgendwas mit der Regelung nicht stimmt und schaltet ab. Find ich gut.


    Erfahrungen
    Also ich bin sehr zufrieden und weine auch dem vielen Geld nicht nach. Es ist eine große Investition, die sich aber für mich auf alle Fälle lohnt. Arbeitet nicht so fein wie das im Auto aber doch sehr gut. Wesentlich genauer als meine Hand das kann. Das MCC hält auf gerader Strecke die Geschwindigkeit sehr genau, Abweichung höchstens 1 km/h. Wenn eine starke Steigung oder ein starkes Gefälle kommt dann hat man auch mal kurzzeitig +-5 km/h, das wird aber binnen weniger Sekunden wieder nachgeregelt. Funktioniert am besten bei Geschwindigkeiten über 70 km/h. Darunter reagiert er manchmal etwas hibbelig auf plötzliche Steigungen/Gefälle. Ist trotzdem nutzbar aber bei starker Hügeligkeit wenig komfortabel.
    Was mir noch aufgefallen ist: beim wieder aufnehmen der Geschwindigkeit beschleunigt das Motorrad sehr langsam. Er braucht so etwa 10-15s um von 50 wieder auf 100 zu klettern. Eventuell kann man das mit einer anderen Konfiguration im Steuergerät ändern aber vielleicht wird damit dann die Hibbeligkeit bei niedrigen Geschwindigkeiten noch schlimmer. Ich frag mal nach.
    Anfangs war für mich die Handposition etwas schwierig aber das findet man dann schon für sich raus. Meine Hand liegt jetzt immer auf dem Flansch vom Alu Handschützer und umgreift locker den Gasgriff.


    Alternativen
    Als Alternativen gibt es zum einen Gasgriff-Feststeller, die normalerweise zwischen 100 und 200€ kosten und nicht die Geschwindigkeit regeln sondern die Gasgriff-Stellung. Das heißt bergauf wird man langsamer und bergab schneller. Find ich persönlich wenig hilfreich und verboten sind die noch obendrein. Außerdem gefährlich weil beim Bremsen trotzdem weiter Gas gegeben wird.
    Als sehr günstige Alternative (ca 10-20€) hat sich für meine Freundin eine Handballenauflage bewährt. Die bringt aber wirklich nur was bei langen monotonen Gleichgeschwindigkeit-Fahrten. Etwas sicherer als Feststeller aber auch hier kann es beim Bremsen zum ungewollten Gas geben kommen. Sollte im Stadtverkehr irgendwo beiseite (vom Gasgriff runter) geschoben werden. Bei meiner Freundin kommt der dann auf das Lenker-Endgewicht. Entspannt die Hand aber bei langen Autobahn Etappen ungemein. Ist aber meines Wissens auch verboten.


    Wenn noch Fragen sind immer raus damit.
    Alex

  • #3

    Vielen Dank für die sehr ausführliche Darstellung. Ich werde mich mal beim Hersteller weitergehend einlesen, wenn die E-Gas Variante für meine '18er auf dem Markt ist.


    Der Verkleidungsausbau war kein größeres Problem? Kenne diese dämlichen Plastiksteckverbindungen noch von der NC meiner Freundin .. ein Kraus

    Wer sich verfährt, der sieht mehr
    IBA #62081

  • #4

    Mit Anleitung kein weltbewegendes Problem, nein. Man sollte sich nur die Anleitung wirklich genau ansehen. Die Seitenverkleidung ist nämlich gesteckt (Schwalbenschwanz - Verbindung 2 mal ganz vorne), geclipst von vorne (2 mal) und von der Seite (ich glaube 5 mal). Du musst also erst die 5 Pinöppel seitlich raus ziehen, dann die 2 nach vorne und dann die Schwalbenschwänze aus Ihren Nuten ziehen. Und dabei nichts abbrechen.
    Viel schlimmer fand ich den Zusammenbau. Die Verkleidungsteile sind nämlich an allen möglichen Stellen über, unter oder in andere Teile gelegt und das ohne Spalte wieder zusammen bekommen macht Spaß.
    Große Freude hat man auch mit dem Tank und der Airbox. Da müssen nämlich von unten diverse Schläuche und Stecker ran, die allesamt so kurz sind, dass man ein paar Montwgezwerge bräuchte, die dann drin bleiben. Von den 13h waren ca 1,5-2 nur für den wieder-Einbau von Tank und Airbox. Ich verstehe seit dem Tempomat-Einbau, warum die 24.000er so teuer ist.
    Zu den Verkleidungen gibt es noch ein gutes Video vom leider ex Mitglied Ryker


    Das habe ich mir während des Abbaus mehrfach angesehen.

  • #5

    Tolle Info, Alex, bin beeindruckt!
    Aber beim Lesen der Montage kräuselte sich mein Rücken: Nie und nimmer mach ich so etwas selber! Das ist mir zu diffizil, und beim Machenlassen ist ja noch mal das gleiche Geld fällig.
    Aber trotzdem wollte ich mal Danke sagen!

    Viele Grüße aus HH


    Alles nur Honda: 250, 650, 1000 und 1800 ccm
    außereurop. Mot. Reisen: Marokko, Neuseeland, Kolumbien, Indien, Laos

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