Mich interessiert eigentlich nur Enduro Test. Aber als ich gelesen habe, dass dort dicke, stark motorisierte Dampfer mit kleineren Maschinen wie der KTM 390 Adventure verglichen werden, war für mich Feierabend. Wie soll man bitte eine Wassermelone mit einem Pfirsich vergleichen – außer beim Obstsalat?
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Wie gesagt, ich habe ja eine lange Zeit der Verzweiflung an den mangelnden kognitiven Fähigkeiten und der nicht vorhandenen Aufmerksamkeitsspanne der verehrten Leserschaft hinter mir - jetzt bin ich in Rente.
Aber hast du nicht gemerkt, dass der Test mehrere Teile hatte?
Im Grunde kann das ganze, sehr aufwändig gemachte Ding nicht mehr sein als eine Kaufberatung, in die die Redaktionen einfach alle Kräder reingepackt haben, die sie kriegen konnten. Und dazu kommt ja, dass man sich bei diesen ganzen Tests fragen soll, wem sie genau weiterhelfen sollen. "Motorrad" testet im Jahr bestimmt an die 100 Motorräder. Wie viele Motorräder kaufst du dir im Jahr? Geht es also darum, dir eine Entscheidungshilfe für einen anstehenden Kauf zu geben? Oder geht es nur um Futter für den Stammtisch?
Dazu kommt, dass jeder Kunde andere Prioritäten hat. Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad unfair, ein Motorrad für 25.000 Euro mit einem für 15.000 Euro zu vergleichen, aber idealerweise zeigt ein solcher Vergleich, welche Nachteile gegenüber dem teureren Motorrad man in Kauf nehmen muss, wenn man das billigere nimmt. Besonders spannend fand ich deshalb die große Zahl der "Chinakracher", die vorgestellt wurden. Ich bin kein in der Wolle gefärbter Hondafahrer, ich hab' mit der Marke keinen Vertrag. Meine AT hat mit Koffern und Chichi 17 K gekostet. Wenn eine CFMoto mit voller Hütte und etwa genauso viel PS nur noch 12K kostet, dann wüsste ich schon gern, worauf ich verzichten muss, wenn ich mir die fünf Riesen spare. In dieser Beziehung fand ich den Test gar nicht so übel.
Wäre ich ein verantwortlicher Redakteur für einen solchen Test und würde realisieren, dass ein Großteil meiner Leserschaft sich ausschließlich dafür interessiert, ob ein Produkt ihrer Lieblingsmarke auf Platz 1 gekommen ist, dann würde ich glaube ich ausgiebig dem Alkohol zusprechen und Götz von Berlichingen zitieren.
Du denkst wirklich, dass Insiderinfos an die Öffentlichkeit dringen würden? Die habe ich auch, aber ich würde den Teufel tun, solche Infos jemals öffentlich zu posten. Man würde auch nicht glauben, was manche Hersteller alles verlangen.
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Es gibt zwei Vorwürfe, die regelmäßig kommen: Wenn in einem Bericht nicht die Marke gewinnt, die man persönlich favorisiert, dann wurde der Redakteur geschmiert. Oder der positiv bewertete Hersteller hat sich seine gute Platzierung durch Werbeanzeigen erkauft.
Da denke ich mir manchmal, ob die Maulhelden, die sowas einfach so im Netz raushauen, sich das auch live trauen würden, wenn der verantwortliche Redakteur für den Beitrag mit am Tisch sitzt.
Was den Vorwurf der Bestechung angeht: ich bin in meiner Karriere niemals bestochen worden. Sonst sähe mein Kontostand anders aus, glaubt es mir. Und was den Vorwurf der Werbeschaltungen angeht, kann man den leicht entkräften, indem man einfach mal nachzählt. Wenn es danach ginge, müssten Lous und FC Moto jeden Vergleichstest gewinnen, denn die gehören zu den wichtigsten Anzeigenkunden.
Was allerdings eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, das ist eine schlagkräftige Presseabteilung. Mir hat das mal ein Kollege am Beispiel eines Reifentests erklärt: "Du willst einen Reifentest mit Supersportler-Reifen machen und brauchst jemanden, der dir möglichst schnell für zwei Wochen drei identische Moppeds hinstellt. Dann rufst du in München an, und die fragen nur: 'Welche Farbe?'. Das kannst du ja mal bei Aprilia versuchen." Das Ergebnis: Ein Reifentest über sechs Seiten wird auf BMW gefahren, nicht auf Aprilia.
Ich hatte ja noch nie mit der Presseabteilung von Honda in Deutschland zu tun, aber die scheinen nur eine ATAS mit allen Extras in Tricolore im Presse-Pool zu haben. Und wenn eine Redaktion nach einer Africa Twin verlangt, dann kriegen sie halt den Fulldresser. Das passt aber nicht immer. Und ich habe hier auch schon ein paarmal angemerkt, dass ich ein genaueres Eingehen auf meine Wünsche als deutscher Kunde wünschen würde. Gern kam dann der Kommentar, dass Deutschland als Markt für Honda ja gänzlich unwichtig sei. Je nun, wenn das so ist, dann muss sich Honda nicht wundern, wenn sie in deutschen Vergleichstests gegen Wettbewerber verkacken, die auf die Bedürfnisse deutscher Kunden besser eingehen.