Zu Besuch bei Jungbluth, Interessantes zur 1100er Sitzbank.

  • #1

    Bilder von innen durfte ich leider nicht machen, kann ich aber verstehen. In der Zubehörbranche wird abgekupfert was das Zeug hält.


    Ist mir selbst passiert, als ich vor über 20 Jahren die ergonomische Lenkererhöhung erfunden habe.


    Ja, ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Thema: Mensch – Motorrad – Ergonomie und wollte mal auf ein kleines Schwätzchen bei Jungbluth vorbeischauen, wenn ich denn schon in der Eifel bin.


    Der Betrieb im Nebengebäude und Garage.


    Man merkt dass er sich mit dem Thema auseinandersetzt und wie ich meine, auch erfolgreich umsetzt.


    Vielleicht ist es euch auch aufgefallen: Setze ich mich auf meine originale Sitzbank dann verändert sich nach einiger Zeit der Fuß-Boden-Abstand. Ich habe es beim Ampelstop bemerkt und als sehr positiv empfunden und muss zu meiner Schande gestehen auch gar nicht weiter darüber nachgedacht. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist diese Veränderung auch beim Kniewinkel zu bemerken, er wird (kleiner/spitzer).


    Das Grundlegende Problem sagt Jungbluth, ist der original zu weiche Schaumstoff der zu stark nachgibt. Dies würde meine Beobachtung auch unterstützen, und je schwerer man ist, desto deutlicher wird sich das dann auch auswirken.


    Für die nächsten Punkte, warum eine Sitzbank einiges verändern kann müssen wir den Anatomieunterricht aus der Schulzeit auskramen.


    Unsere Wirbelsäule ist in 3 Bereiche aufgeteilt: Halswirbelsäule, Brustwirbelsäule, Lendenwirbelsäule mit leichten Krümmungen die gegengleich laufen. Im Stehen sollten sie in einem guten Verhältnis zueinander sein :P und die Funktionen und auch Muskulatur so optimal aufeinander abgestimmt sein 8o8o


    Das ist meiner Erfahrung nach eher selten gegeben, aber man braucht ja mal ein gewisses „Vergleichsmaß“


    Die WS-Stellung ändert sich dann beim Sitzen radikal, weil der Mensch nicht zum Sitzen geschaffen ist. Aber man kann diese Wirbelsäuleneinstellung beim Sitzen etwas verbessern, wenn man das Becken durch eine leichte Schräge unterstützt.


    Das Becken wird dadurch leicht nach vorne geneigt. Die Lendenwirbelsäule (LWS) bekommt einen kleinen Bogen nach vorne, die Brustwirbelsäule (BWS) richtet sich ein wenig auf (kommt aus der Krümmung raus) und die Halswirbelsäule (HWS) kommt aus der Steilstellung in eine normale Krümmung nach vorne.


    Schließen wir den Kreis wieder mit der Sitzbank.


    Hier mal eine einfach Handskizze, die Jungbluth vor Ort gemacht hat (von mir ergänzt).




    Die originale Sitzbank von der Seite. Man sieht eine leichte Schräge der Sitzfläche, was ergonomisch sinnvoll ist.


    1 soll die Kante der Sitzplatte darstellen.


    2 soll die ungefähre Lage des auszuwechselnden Schaumstoffs darstellen.


    Durch die leichte Schräge der Sitzbank rutscht man auf Dauer etwas nach vorne, wo der Schaumstoff am stärksten ist, Bei unserer originalen Sitzbank gibt hier der zu weiche Schaumstoff am meisten nach. Deswegen war auch nach einiger Zeit der Unterschied so deutlich für mich spürbar.


    Am Ende sitzt man dann fast auf der Grundplatte und die Schräge ist deutlich steiler geworden, dadurch bekommt das Becken eine stärkere Kippung, was zu einer stärkeren Krümmung der LWS und zu einer Steilstellung der HWS führt. Diese Veränderungen an der Wirbelsäule, die durch eine zu starke Kippung des Beckens kommen habe ich auch technisch/medizinisch mit Messungen an Motorradfahrern auf dem Motorrad nachgewiesen.


    Hat man dann schon „Vorschädigungen“ kommt es verstärkt zu Veränderungen im Bereich der LWS und zu einer Verspannung im HWS-Bereich.


    Das kann sich dann bemerkbar machen mit Einschlafen des Fußes, Hand, Schmerzen im Bein, im Arm und und und…


    Ich halte das alles unkompliziert in meiner Beschreibung. Denn eigentlich würden hier noch viele Begründungen, Auswirkungen, Biomechaniken, muskuläres Gleichgewicht, usw. hingehören.


    Ich möchte hier nur Aufzeigen was eine veränderte Sitzbank bei unseren 1100ern bewirken kann. Alles andere würde zu weit führen und gehört auch nicht hierher.


    Habe ich nun nach einer halben Stunde Fahrt den Schaumstoff plattgesessen, bin ich ziemlich an der Sitzplatte angekommen und auch die Kanten der Sitzplatten können dann auf die Unter-Innenseite der Oberschenkel eindrücken. So können wieder die schon oben beschriebenen Probleme auftreten.


    Wie versucht nun Jungbluth dieses Problem unserer Sitzbank zu beheben?


    Mit einem anderen Schaumstoff. Lange hat er gesucht (10 Jahre) bis er jemand gefunden hat der „seinen“ Schaustoff um 2/3 komprimiert. Deswegen sagen auch alle durch die Bank weg, die Jungbluth Sitzbank wäre hart und je nach Gewicht des Fahrers gibt es hier verschieden Abstufungen. Diese Komprimierung könnte aber auch der große Unterschied zu anderen Sitzbankpolsterern sein, welche normalen Schaumstoff (härter oder weicher) verwenden.


    Die Folge: Man sitzt hier nicht durch bis auf die Grundplatte.


    Durch die Polsterung erfolgt auch vorne eine Verbreiterung, was nach meiner Ansicht ein nicht unwichtiger Pluspunkt ist. Wird der Hüftgelenkswinkel breiter erfolgt eine „bessere“ Kippung des Beckens und somit Aufrichtung/Stabilisierung der WS. Die daraus resultierende Stabilisierung des Rumpfes sorgt nicht nur für weniger gesundheitliche Probleme sondern lässt sich sogar auf den Fahrstil umsetzen und sorgt für ein besseres Handling.


    Das Leder kommt aus Italien, alles andere aus Deutschland und die Nähte werden bei der Produktion noch einmal mit einem Band abgedichtet.


    Sicher ist vieles was ich hier schreibe sehr individuell wie das Thema Motorrad selbst.

    Sicher gibt es Leute die das hier lesen und sagen, was soll der Unsinn, mir fehlt doch nichts.
    Sicher gibt es aber auch Menschen die sehr gerne AT fahren und würden sich wünschen dies besser und mit weniger „Wehwehchen“ zu tun.


    Und genau diese möchte ich mit meinem Artikel ermutigen sich mit dem Thema Sitzbank einmal auseinander zu setzen. Im wahrsten Sinne des Wortes ;).


    Während ich diesen Bericht schreibe liegt die Jungbluth Sitzbank neben mir, mein ATAS 2020 steht draußen, in einer Nische des Ferienhauses in der Eifel.


    Ich werde heute noch den Sattel tauschen und probesitzen. Morgen soll es schöner werden und ich habe eine lange Tour durch die Eifel geplant.


    Ich freue mich aufs Ausprobieren, aber am meisten freue ich mich auf die Fahrt mit meiner Africa Twin.


    LG


    HDM

    Wenn man älter wird braucht man eine Africa Twin damit der Spaß nicht aufhört!

  • #2

    Danke Hans Dieter ..... das ist ja mal geil erklärt, das habe sogar ich verstanden :-)

    Cool .... again what learned :lachen:

    ______________________________________________________________________________________________

    Wasser fließt bergab und das tut es, ohne das wir Menschen daran glauben.

  • #3

    Sehr gut erklärt, Hans-Dieter:clap: Danke dafür!


    Eigentlich sollte man seine ganze Haltung auf dem Motorrad individuell von einem Orthopäden kontrollieren und korrigieren lassen...:whistle:

    (jedenfalls, wenn der Fahrspaß durch Schmerzen getrübt wird)

    ne Rote mit DCT, auf CTA3; HS, CLS-Öler+Heizgriff-Kit; Jungbluth-Sitzbank; TOMTOM Rider400; Honda-Koffer; ~4,6 l/100km; Alu-Eigenbau:Gepäckplatte, Navi-Halter, Seitenständer- u. Bremshebelverbreiterung
    Vorher: Kawa KLR 650 A


    Carpe Diem :auto-biker:

    Einmal editiert, zuletzt von tscharlie ()

  • #5

    Anfragen per Email könnten bei Jungbluth allerdings dauern...:confusion-waiting:

    Besser einfach mal anrufen8-)

    ne Rote mit DCT, auf CTA3; HS, CLS-Öler+Heizgriff-Kit; Jungbluth-Sitzbank; TOMTOM Rider400; Honda-Koffer; ~4,6 l/100km; Alu-Eigenbau:Gepäckplatte, Navi-Halter, Seitenständer- u. Bremshebelverbreiterung
    Vorher: Kawa KLR 650 A


    Carpe Diem :auto-biker:

  • #7

    Danke Hans Dieter HDM für deinen ausführlichen Bericht.


    Ich weiß wieviel Arbeit es ist einen Text zu schreiben, den man in weniger als fünf Minuten gelesen hat. Es lassen sich ganz leicht ein , zwei Stunden Arbeit darin versenken und da hab ich die Zeit des "Vorkonzepts" im Kopf noch gar nicht mitgerechnet.


    Liebe Moderatoren, das könnte man in die Sitzbank FAQ verschieben oder einfügen.


    Auch wenn ich schon wieder mal in die selbe Kerbe schlage ( jeder weiß das ich meine Jungbluth Bank liebe), Sitzbank und Lenkererhöhung sind für mich die wichtigsten Parameter an denen ich drehe. Ob meine Koffer aus Kunstoff, Alu oder Stoff sind, ob ich hier noch einen Schutzbügel montiere, oder dort ein Deckelchen ist bei schlechtem Sitzkomfort völlig unwichtig und vergleichsweise teuer.


    Nun wird für die AT zum Glück nicht halb soviel Firlefanz an Abdeckungen und Deckelchen Angeboten wie für die GS, und das liegt einfach daran das unsere At's keine brauchen.


    Sie ist quasi natürlich schön:romance-lovegoddess:.


    Nochmals vielen Dank für deinen Artikel. Von soviel Herzblut lebt das Forum!:blumen2:


    "Alles für den Arsch" Grüße

    HeinoAT

  • #8

    Klasse Erläuterung, Hans Dieter. Vielleicht geht ja jetzt einigen ein Licht auf, weshalb man eben einen unbequemen Sitz nicht wirklich mit einer Gel-Einlage oder Ähnlichem verbessert, sondern meist sogar noch verschlechtert.


    Übrigens fahre ich auch eine Sitzbank von Gerd und möchte nicht wirklich eine andere haben - lange Fahrten verlieren mit dieser wirklich ihren Schrecken - jedenfalls bei mir.

    Gruß vom Niederrhein

    Matthias



    Wenn du glaubst, alles unter Kontrolle zu haben, fährst du zu langsam - (Mario Andretti)

    Merke: Schon ein einziger Buchstabendreher kann eine ganze Signatur urinieren!

  • #9

    HDM danke für den Bericht. Bei mir ist es der empfindliche Steiß, der mir längere Toueren gern verhageln kann. Daher haben meine letzteren Sitzbänke immer eine nachträglich eingefräste 2 Finger breite Hohlkehle im Steißbereich. Dazu muss der Originalschaumstoffe eben auch straff genug sein. Dies hat sowohl bei der GSA und Multistrada Sitzbank gereicht.

    Eine Sitzbank für die 790@R ist gerade beim Sattler und soll soweit aufgefüllt und dabei optimiert werden, dass sich eine durchgehene Sitzfläche bis nach hinten ergibt. Somit kann ich nicht nur beim Endurowandern die ganze Sitzfläche nutzen.

    Jedenfalls ist bei mir der Motorradsitz auch ein leidiges Thema. Bis jetzt haben aber kleinere Optimierungen schon gereicht.

    Wenn der Grundschaumstoff aber von Natur aus schon zu weich ist, bringt das eben nichts.

    Jungbluth wollte ich zu GS Zeiten auch schon mal ausprobieren. Eine frische GSA Sitzgarnitur hatte aber dann inkl. Optimierung erstmal gereicht.

    BG Andreas,
    "Wenn sich nicht einige gegen den Strom stellen, gehen alle den Bach runter" K. Kinski

  • #10

    Das mit dem Gel ist ja ganz einfach.


    Es wird beim Sitzen mit der Zeit sehr hart und es bleibt in seiner Form... Was am Anfang noch toll zu sitzen ist, ist nach und nach einfach nur noch Schrott. Da kann man sich quasi gleich ein Brett hinzimmern als Sitzbank oder Harley fahren :D. Mal abgesehen von dem ungewollten Wärmespeicher, nach der Kaffeepause in strahlendem Sonnenschein.


    Wer also unbedingt Gel fahren möchte, muss das Gelkissen dann halt mit der Zeit austauschen, wo ein ordentlicher Sitz mit verschiedenen Schaumstofflagen noch gut lang haltbar ist und seine eigentliche Funktion behält. (Ja auch ein Schaumstoff ist irgendwann ausgelutscht)


    Fakt ist: Gute Sitze gibt's nicht von der Stange.. Egal ob jetzt G. Jungbluth, N. Lange usw... traut euch, nehmt die paar Taler in die Hand und lasst euch ein Tourensofa machen. Es lohnt.

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